Ignoranz und Schulden in Thailand, beginnen wir zuerst bei der Ignoranz. Ganz ehrlich, ich liebe mittlerweile diese für mich positive Version der Ignoranz in Thailand, denn sie bringt meiner Lebensqualität bisher meist nur Gutes. Es fängt damit an, dass sich der Einzelne überhaupt nicht so wichtig nimmt und auch im alltäglichen Umgang mit Behörden zeigt sie sich: Diese mischen sich vergleichsweise wenig in die Belange der Menschen ein und sind damit oft das pragmatische Gegenteil ihrer nach Formalitäten lechzenden, aber in der Praxis höchst unflexiblen Kollegen aus meinem alten Heimatland.
Im Großen zeigt sich dieselbe Mentalität nach meiner Beobachtung darin, dass sich der thailändische Staat – ebenso wie viele Länder Südost- und Ostasiens – äußerst selten in die innenpolitischen Angelegenheiten anderer Staaten einmischen. Der moralisch erhobene Zeigefinger, den sich große Teile des Abendlandes inzwischen so gerne zu eigen machen, bleibt hier meist in der Hosentasche.
Aber wie das so im Leben ist, alles hat zwei Seiten und jeder interpretiert es für sich anders. Ignoranz ist dabei auch die Freiheit auf Dummheit. Und dazwischen gibt es doch recht viele Schattierungen, fangen wir damit zuerst an. Zuvor noch ein paar passende Beiträge:
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Matt Abold heißt der Bub und lebt seit 2009 auf Baan Metawi, in Chumphon, Thailand. Er schreibt übers Auswandern und Überwintern und sozial- und wirtschaftspolitische Themen mit Bezug zu Thailand.
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Was gehört noch alles zur Ignoranz in Thailand?
Vieles davon findet man überall auf der Welt, aber gerade im direkten Vergleich mit den D-A-CH-Ländern ist es schon possitiv wie negativ geballt in Thailand. Nachfolgend ein paar Beispiele:
- Man möchte potentielle Konflikte vermeiden und lässt etwas lieber laufen. Manchmal gut, manchmal schlecht, bei uns ist es umgekehrt, aber im Ergebnis gleich.
- Das teilweise als Chaos empfundene Fahren auf Thailands Straßen hat auch viel mit Ignoranz zu tun: Der Straßenverkehr in Thailand = geordnetes Chaos.
- Extrem positv finde ich die Ignoranz in der thailändischen Küche, die sich keine historischen Fettnäpfchen verbunden fühlt: Die thailändische Küche – Chaos ist das Beste was passieren konnte.
- Zusagen werden gemacht, ohne dass daraus zwingend eine Handlung folgt. Manchmal fällt es schwer, sich darauf einzulassen.
- Termine und Fristen besitzen nicht dieselbe Verbindlichkeit wie in den D-A-CH Ländern, auch weil es ein ganz anderes Zeitgefühl gibt: Heutzutage ist es für mich normal und für Sie?
- Ignoranz gegenüber Regeln, die realitätsfern sind – herrlich erfrischend in Thailand.
Was in Thailand manchmal als Gelassenheit und Pragmatismus beginnt, kann ab und an zu Gleichgültigkeit und Verantwortungsvermeidung, also Ignoranz, führen. Einiges davon, je nach Grund, finde ich ziemlich possitiv in Thailand. Warum sind uns Termine und Zeit so wichtig? Würde es uns wirklich schaden, wenn wir entspannter damit umgehen? Oder die Ignoranz, sich nicht in die Angelegenheiten anderer einzumischen. Natürlich wäre dies bei häuslicher Gewalt ein Problem, nur Einmischen hat solche Probleme auch nicht weniger werden lassen.
Beim Geld fühlt sich die Ignoranz in Thailand ziemlich seltsam an
Vielleicht hätte ich besser Schulden in Thailand sagen sollen, denn Geld alleine erklärt die Ignoranz hier nicht. Bei Schulden in Thailand geht es nämlich nicht nur um das Nichtlösen eines Problems, sondern um eine besondere Form der Verdrängung: Man weiß, dass das Problem existiert, lebt aber trotzdem so weiter, als würde es einen nicht betreffen.
Die im Alltag wohltuende Gelassenheit in Thailand – Mai pen rai … passt schon – kann bei finanziellen Verpflichtungen gerade bei privaten Haushalten ausgesprochen gefährlich werden. Lassen Sie mich mal kurz die mögliche Spannung zwischen kurzfristiger und langfristiger Lebensqualität aufzeigen:
- Kein Geld oder noch kein Geld → Kredit.
- Kredit reicht nicht → nächster Kredit.
- Rückzahlung schwierig → Umschuldung oder neuer Kredit.
- Die tatsächliche Verschuldung wächst, da Rückzahlungen über neue Kredite gespeist werden.
- Gleichzeitig wird der Lebensstandard möglichst wenig, oft gar nicht, angepasst.
- Und irgendwann wird die Verschuldung nicht mehr als Ausnahme, sondern fast als normaler Bestandteil des Lebens betrachtet.
Letztendlich entstand die positive thailändische Ignoranz und die negative Schuldenignoranz aus derselben kulturellen Grundhaltung. Die Ignoranz in Thailand kann eine ausgesprochen angenehme Lebenseinstellung sein – solange die Realität einem nicht irgendwann die Rechnung dafür präsentiert.
Zahlen zu den Schulden in Thailand gegenüber den D-A-CH-Ländern
Am aussagekräftigsten sind bei solchen Vergleichen meist die relativen Schulden eines Haushaltes zum Haushaltseinkommen, dann muss man auch nicht groß die Länder kaufkraftbereinigen, um einen sinnvollen Vergleich zu bekommen:
- 🇨🇭 Schweiz: rund 130 %
- 🇹🇭 Thailand: rund 87 %
- 🇩🇪 Deutschland: rund 49 %
- 🇦🇹 Österreich: rund 42 %
Die hohe schweizer Zahl ist irreführend, da diese größtenteils Hypothekenkredite betrifft bei gleichzeitig hohen Vermögenswerten. Nur wenige zahlen in der Schweiz Immobilienschulden zurück, die zum einen – anders als in Deutschland – von den Steuern abgezogen werden können. Zum anderen bei den niedrigen Kreidtzinssätzen in den letzten Dekaden lohnt es sich, dass Vermögen anderweitig rentabler anzulegen, als seine Schulden zu tilgen.
In Thailand sind zwar auch viele Immobilienschulden enthalten, aber auch das Auto, die Möbel, das Handy, die Reisen und wer weiß was sonst noch alles finanziert wurde. Ein paar Medienbeiträge dazu: BangkokPost BangkokPost.
Schulden in Thailand sind ausgesprochen weit verbreitet
Lachen Sie nicht, ein Grund, warum wir, deren Muttersprache Deutsch ist, einer Verschuldung eher skeptisch entgegenstehen, ist Deutsch! Ich habe mich nicht verschrieben, ich meine das deutsche Wort „Schuld“. Denn es beschreibt nicht nur die Kreditschuld, sondern eben auch ein Fehlverhalten. Engländer (debt & guilt) und Thailänder (หนี้ & ความผิด) haben unterschiedliche Wörter dafür, sehen also nicht zwischen Kredit und Schuld automatisch einen Zusammenhang. Wir hingegen verbinden beides in einem Wort und das kann auch etwas im Kopf bewirken.
Die Bank of Thailand nennt aktuell ein bemerkenswertes Bild: Etwa 50 % der Thailänder sind bereits im Alter von 30 Jahren verschuldet, und ungefähr ein Fünftel dieser Gruppe hat bereits problematische Schulden. Auch im höheren Alter verschwinden die Schulden keineswegs: Bei den 60- bis 69-Jährigen liegt die durchschnittliche Verschuldung laut BOT bei etwa 450.000 Baht, bei den 70- bis 79-Jährigen noch bei knapp 300.000 Baht.
Es gibt einen Unterschied für was man Schulden macht
Ein Immobilienkredit schafft grundsätzlich Vermögen, so auch ein Autokredit, der für die Arbeit/Betrieb benötigt wird. Viele Konsumentenkredite sind aber der thailändischen Ungeduld geschuldet (lustiges Wortspiel) nicht warten zu wollen, bis ich mir etwas leisten kann (Urlaub, neues Handy, neue Möbel, etc.), sondern es jetzt sofort haben möchte.
Ein großes Problem dabei sind „normale“ Unternehmen, die immer mehr und leichter für den Kunden Angbote anpreisen, bei denen das gekaufte Produkt erst in ein paar Monaten bezahlt werden muss (buy now, pay later). Anfänglich natürlich ohne Zinsen, die dann irgendwann recht üppig doch bezahlt werden müssen. Die großen Onlineplattformen in Thailand bieten dies selbst schon für Produkte unter umgerechnet €5 an.
Und genau hier sieht die Bank of Thailand im oben verlinkten Bericht eine Besonderheit: 30 % der Haushaltsverschuldung entfallen auf persönliche Kredite und Kreditkarten, während beispielsweise 35 % auf Wohnimmobilien und 8 % auf Fahrzeuge entfallen. Härter formuliert, ein großter Teil dieser 30 % Schulden in Thailand werden für unproduktives Zeug gemacht!
Geld wird nicht nur bei Banken geliehen
Noch ein großer Unterschied zu uns. Bei Banken bekommen wir, wenn man Gehaltseingang nachweisen kann, relativ schnell und günstig einen Konsumentenkredit. In Thailand ist es nicht klar, ob das Ei oder die Henne zuerst da war. Soll heisen, Banken geben ungern einen ungesicherten Konsumentenkredit, da die Ausfallrate so hoch ist oder Kunden gehen für Konsumentenkredite nicht zu Banken, da sie so bürokratisch sind. Ein Hauptfaktor dafür ist der unregulierte Arbeitsmarkt, also die allermeisten Soloselbständigen (Soloselbständige, Thailands Geheimwaffe gegen Arbeitslosigkeit). Für diese Gruppe ist der Zugang zu normalen Bankkrediten, wegen der schwankenden Geldeingänge, erschwert. Ausgenommen hiervon sind Auto- und Immobilienkredite.
Wohin gehen dann die Thailänder recht häufig, wenn sie Geld benötigten?
In die sehr kuriose informelle Kreditwirtschaft, nicht wenige davon in die illegale. Wer bei einer Bank keinen Kredit bekommt oder, wie ich so oft gesehen habe, es erst gar nicht versucht wird, kann sich Geld innerhalb des sozialen Umfelds oder über informelle Kreditgeber beschaffen.
Nachbarschaftsleihe ist in ganz Thailand sehr verbreitet und auch akzeptiert. Nicht überraschend, die Entscheidungen ob man Geld vom Nachbar bekommt hängt sehr stark am Leumund, ein aus der Mode gekommenes deutsches Wort. Oder anders ausgedrückt: Ist der Ruf erst ruiniert, fließt Nachbars Geld nicht mehr so ungeniert.
Die Bank of Thailand spricht ausdrücklich von „informal debt“ und versucht sogar, Menschen mit solchen Schulden in das formelle Kreditsystem zu überführen.
Das soziale Umfeld ist Teil des Finanzsystems
Es ist uns schon sehr oft passiert, dass hauptsächlich Nachbarn und entfernte Bekannte meine Frau oder Schwiegermutter nach einem Kredit fragen. Die Konditionen sind teilweise atemberaubend. 10 % Zins ist noch niedrig, gehört habe ich auch schon 30 %. Dies ist noch nicht das Atemraubende, aber das ist es: Die Zinsen werden pro Monat gerechnet!
Es gibt natürlich keine Statistik hierfür, aber ich vermute, dass eine sehr große Gruppe Thailänder dies regelmäßig machen. US Amerikaner machen dies auch, dort nennt es sich Payday Loan und ist legales finanzielles Aussagen von den Schwächsten einer Gesellschaft. Noch viel schlimmer läuft es dort bei den Kreditkartenkrediten (gibt es bei uns so gut wie überhaupt nicht), an denen US Banken mehr als 100 Milliarden Dollar pro Jahr verdienen. Aber es ist in den USA legal, in Thailand, wie auch in jedem Land in Europa sind solche abartigen Wucherzinsen verboten. Nur das kümmert in Thailand niemanden, Ignoranz eben, daher ist der Unterweltkredit oder die „Nachbarschaftshilfe“ sehr weit verbreitet.
Viele Filme und Serien widmen sich dieser Art von Schulden in Thailand und die Schuldeneintreiber kommen meist mit Moped und schwarzen, verspiegelten Helmen.
Die Kombination aus sozialem Umfeld, gegenseitigen Verpflichtungen und dem Wunsch, Schwierigkeiten nicht öffentlich zu machen, kann dazu führen, dass finanzielle Probleme lange im persönlichen Umfeld bleiben, bevor sie formalisiert werden. Hier kommt die Schattenseite des in Asiens viel stärker vorhandenen „Gesicht wahren“ zum Vorschein.
Wir haben übrigens auch unserer Haushälterin über die Jahre mehrere Kredite gegeben, wie ich aber meine zu ihrem und unserem Vorteil, siehe: Mindestlohn Thailand.
Ein kurioses eigenes Beispiel
Wir hatten 2 Mal Mieter in unserem – nein, meiner Frau ihrem – Hongtail (Hongtail – Mietwohnung in Thailand – pure soziale Marktwirtschaft), die die Miete immer so lange streckten, dass der im Standardmietvertrag (Vordruck) vorgesehenen Verzugszins irgendwann die eigentliche Miete überstieg. Ich habe selbst mal versucht mit denen zu reden, warum sie es machen, obwohl es keine Geldnot gibt. Die Antwort war typisch thailändisch – frei übersetzt: So paßt es uns besser! Warum, weshalb, wieso? Fragen Sie nicht, es ist halt so.
Eine Abkürzung besteht nicht selten aus Krediten
Ein Beitrag von mir hat sich den Abkürzungen im Leben gewidmet, siehe: Abkürzung im Leben – und der Preis dafür. Dabei ging es eher darum, dass der Weg zum Ziel eigentlich das Wichtigste ist. Aber beim Geld und den Schulden in Thailand nimmt der Thailänder auch allzugerne eine Abkürzung. Diese lautet dann:
Ich möchte heute etwas haben, für das ich eigentlich erst morgen genug Geld habe …
… der Preis dieser finanziellen Abkürzung heist Zins und Zinseszins.
Es scheint etwas menschliches zu sein, dass wir so einfach unserem Drang nach sofortiger Wunscherfüllung erliegen und dann nicht selten uns verschulden. In Thailand mehr als in den D-A-CH-Ländern, aber die Begründung von wirtschaftlicher Not funktioniert hier oft nicht.
Es scheint auch etwas mit der viel größeren Spielsucht in Thailand und anderen Ländern in der Gegend, zu tun zu haben. Wenn es dann mit dem Geldglück beim Lotto oder illegalem Casino nicht funktioniert und die Schulden einem letztendlich über den Kopf wachsen, dann kennt jeder in Thailanden jemanden, der vor den Schulden geflohen ist und in einer anderen Provinz versucht, sich – wahrscheinlich wieder mit Schulden – ein neues Leben aufzubauen. Passend:
- Lotto in Thailand; ein Blick ins thailändische Gemüt
- Es geht mir auf den Geist – Aberglaube in Thailand
Wenn Schulden und Leichtgläubigkeit auf Betrug stoßen
Stellen Sie sich einfach vor, Sie haben nicht wenig Schulden, suchen verzweifelt nach Lösungen und lesen dann von einer phantastischen Anlagemöglichkeitkeit, die es Ihnen erlaubt, Ihre Schulden binnen kurzer Zeit loszuwerden. Was machen Sie?
Fallen in den D-A-CH-Ländern nicht wenige auf solch lustigen Finanzbetrug herein, scheint es in Thailand – schaut man sich die bald täglichen Meldungen an -, dass richtig viele ziemlich ignorant alle Warnsignale verleugnen und dem Wahn des schnellen Geldes erliegen. Dies ist im übrigen ein großes Problem weltweit, da diese Verbrecherbanden massenweis von Kambodscha, Myanmar und Laos aus ihr Unwesen treiben. Beschrieben, mit vielen Medienquellen im Beitrag: Nepper, Schlepper, Bauernfänger – Onlinebetrug Myanmar.
Die Kombination allerdings aus Schulden in Thailand haben und ignorant jedes Geldversprechen glauben ist leider schon ziemlich auffällig hier.
Ist all das wirklich Ignoranz oder eine andere Risikoeinschätzung?
Ähnlich wie bei uns liegt auch viel im Argen beim Schulunterricht, wo praktisches Wirtschaftswissen so gut wie nicht unterrichtet wird. Viele erfahren die Folgen dann auf die harte Weise, allerdings offenbar nicht immer mit einem nachhaltigen Lerneffekt. Und genau da wird aus Unwissenheit Ignoranz.
Dennoch ist diese Ignoranz nicht automatisch gut oder schlecht. Entscheidend ist, was man ignoriert. Genau hier möchte ich zum Anfang des Beitrages zurückkehren. Ich sehe in meinem Leben in Thailand eine viel stärkere Unterscheidung zwischen positiver und negativer Ignoranz als bei uns in den D-A-CH-Ländern. Lassen Sie es mich so zusammenfassen:
- Bei Behörden kann Ignoranz Freiheit bedeuten.
- Bei Regeln kann sie Pragmatismus bedeuten.
- Bei Terminen kann sie Gelassenheit bedeuten.
- Bei Schulden kann sie Selbsttäuschung bedeuten.
Bei den ersten 3 Punkten erhöht die positive Ignoranz in Thailand meine Lebensqualität. Bei Schulden in Thailand bin ich tatsächlich sehr Deutsch. Kredite sind für produktive Zwecke ein ziemlich guter Beschleunigungsfaktor, aber auf Pump leben ist schon sehr mit einer Drogenabhängigkeit vergleichbar. In den USA wird dies staatlich gefördert und in Thailand scheint der Wille nach sofortiger Wunscherfüllung zu groß zu sein.
Noch härter formuliert: Bei einer roten Ampel kann ein bisschen Ignoranz manchmal nur ein Bußgeld kosten. Bei Schulden kann dieselbe Ignoranz irgendwann das ganze Leben kosten.
Erleben Sie doch mal selbst diese positive Ignoranz
Wie das geht? Lesen Sie einfach weiter und kontaktieren Sie mich bei Bedarf:

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